"Wir brauchen mehr Autarkie"

Kaum jemand in dieser Region weiß die Bedeutung der Energiewende hier vor Ort so genau einzuschätzen wie er. Rüdiger Köhler ist nicht nur Geschäftsführer Georg Utz GmbH, sondern auch Vorsitzender im Verein Wirtschaftsstandort Schüttorf e.V. (WiSeV). Dem Interessensverband gehören 100 Unternehmen mit 3.000 Mitarbeitenden an. Im Interview erklärt er, warum auch die Sicherheit vieler Jobs in der Region vom Ökostrom abhängt.  

Was wollen wir eigentlich mehr?

Der Ausbau der erneuerbaren Energien in der Region ist für ihn ökologisch und wirtschaftlich zwingend. Er geht ihm aber nicht schnell genug. Rüdiger Köhler, Geschäftsführer der Georg Utz GmbH in Schüttorf, bezieht Stellung.

 

Sehr geehrter Herr Köhler, welche Bedeutung hat der Ausbau der erneuerbaren Energien für die Grafschaft Bad Bentheim?

Die Bedeutung ist riesig. Die Grafschaft Bentheim und das Emsland gehörten zuletzt zu den am stärksten wachsenden Wirtschaftsregionen in Deutschland. Vor allem die mittelständischen Unternehmen haben eine kaum für möglich gehaltene Entwicklung entfacht. Und zwar durch Unternehmergeist, gute Mitarbeiter, eine funktionierende Infrastruktur und eben auch günstige Energie. Das sollten wir erhalten.

 

Warum ist günstige Energie so wichtig?

Wir haben zahlreiche Unternehmen mit hohem Energiebedarf. Utz ist vermutlich einer der größten Verbraucher im Landkreis. Wir stellen Lager- und Transportbehälter her. Dabei wird Kunststoff-Granulat stark erhitzt und anschließend schnell abgekühlt. Wir benötigen pro Jahr über 30 Giga-Watt-Stunden Strom, so viel wie rund 12.000 2-Personen-Haushalte.

Rund 40 Prozent davon decken wir mit einem eigenen Blockheizkraftwerk. Unser Ziel sind 100 Prozent regenerativer Strom. Davon möchten wir möglichst viel selbst produzieren bzw. regional einkaufen. Unsere Photovoltaikanlagen werden bald rund zwölf Prozent beisteuern. Die Eigenstromproduktion möchten wir auch über eine Energieerzeugungskooperation erhöhen. Darin arbeiten hier Unternehmen mit den Landkreisen Emsland und Grafschaft Bentheim, der Stadt Schüttorf, Emsbüren und den Stadtwerken Schüttorf-Emsbüren zusammen.

 

Wäre es nicht einfacher, den Strombedarf durch technologische Anpassungen zu senken?

Das tun wir sowieso. Durch neue Maschinen, Kühlsysteme, Wärmerückgewinnung etc. konnten wir in den vergangenen fünf Jahren unseren Stromverbrauch pro Kilogramm verarbeitetes Material um 60 Prozent reduzieren.

 

Was würde passieren, wenn Sie nicht auf grünen Strom umschalten könnten?

Kosten und Abhängigkeiten würden weiter steigen. Keiner hat mit dem Ukraine-Krieg oder der Eskalation im Gaza-Streifen gerechnet. An ihren Folgen spüren wir, dass wir in Deutschland ein energiepolitischer Spielball sind. Daher: Wir brauchen einen höheren Grad an Autarkie. Es ist ökologisch und wirtschaftlich zwingend, mehr grüne Energie zu produzieren.

 

Was wäre ansonsten die Konsequenz?

Nehmen wir unser Unternehmen: Haben wir früher rund drei Prozent unseres Umsatzes für den Energieeinkauf aufgewendet, so ist der Anteil auf rund sieben Prozent gestiegen. Diese Entwicklung durchzieht die gesamte Wirtschaft – zusätzlich zu allen anderen Kostensteigerungen. Würden Preise weiter steigen, was ohne massiven Ausbau der regenerativen Energien zwangsläufig wäre, wären Firmen energieintensiver Branchen nicht mehr wettbewerbsfähig. Wir reden von Raffinerien und Betrieben in den Bereichen Chemie, Metall, Kunststoff, Baustoffe, Glas und Papier. Sie würden irgendwann nicht mehr in Deutschland produzieren. Daran hängen aber Millionen Jobs. Das ist nicht leeres Lobby-Gerede, sondern eine einfache Tatsache.

 

Was erhoffen Sie sich von den Windkraftprojekten der Grafschafter Naturstrom?

Ich sehe die Chance, auf kurze Entfernung grünen Strom zu wirtschaftlichen Preisen beziehen zu können. Wir hoffen, dass wir mit dem Kabel gleichsam direkt ins Werk Kosten für Netzentgelte etc. sparen können. Die Politik muss dringend ihre Hausaufgaben machen. Es kann nicht sein, dass die Regionen, in denen regenerative Energien ausgebaut werden, auch noch mit höheren Netzentgelten bestraft werden.

 

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit den kommunalen Verwaltungen?

Ganz grundsätzlich ist der bürokratische Aufwand für Planungs- und Genehmigungsverfahren mittlerweile pervers. Die Prozesse dauern viel zu lange. Das machen andere Länder besser. Die Vorgaben der EU oder des Bundes kann hier keiner ändern. Doch gibt es beim Abarbeiten in den Behörden vor Ort sehr viel Luft nach oben. Die Digitalisierung hier sollte längst viel weiter sein. Diese Kritik ist unter Unternehmern der Region verbreitet.

 

Was antworten Sie Kritikern von Windkraftanlagen?

Ich wohne in Suddendorf, höre die Autobahn nebenan und sehe Windkraftanlagen in der Nähe. Daher kann ich es verstehen, wenn Menschen skeptisch sind. Jeder möchte eine Autobahn benutzen, aber niemand will sie vor der Tür haben. So ähnlich erscheint die Diskussion bei Windkraftanlagen. Dabei sind die Auswirkungen beileibe nicht so groß.

Vor allem kommen mir die positiven Aspekte der Energiewende vor Ort viel zu kurz: Wir haben die Möglichkeit, viele Menschen einzubinden. Sie können von günstigem grünem Strom profitieren und vielleicht auch Geld in Anlagen investieren. Unternehmen können mit diesem grünen Strom Jobs sicherer machen und die Kommunen über die Pflichtabgaben der Projektierer Zusatzeinkünfte erzielen. Was wollen wir eigentlich mehr?

 


 

Rüdiger Köhler, Geschäftsführer Georg Utz GmbH

Das Unternehmen mit Hauptsitz in der Schweiz beschäftigt 1200 Mitarbeitende an acht Standorten, davon rund 550 in Schüttorf. Das Unternehmen gehört zur Kunststoffindustrie, die 2022 mit rund 330.000 Menschen in 3.000 Betrieben rund 79 Milliarden Euro erwirtschaftete. Rüdiger Köhler ist zudem Vorsitzender im Verein Wirtschaftsstandort Schüttorf e.V. (WiSeV). Dem Interessensverband gehören 100 Unternehmen mit 3.000 Mitarbeitenden an.

Icon Telefon Kontakt Icon Lupe Suche Icon Newsletter Newsletter